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"Zu den Porträtskizzen von Oliver Jordan"
Kornelia Löhrer

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No. 1 - 26

 

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Wenn die Geschichte um eine Ecke geht. Hg. v. Nikolaus Gatter unter Mitarbeit von Eva Feldheim und Rita Viehoff. Berlin: Berlin Verlag Arno Spitz GmbH 2000, 320 S., 44 Abb., kart. 48,- DM ISBN 3-8305-0025-4; ISSN 1439-6254
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Almanach 2(2002):
Makkaroni und Geistesspeise. Hg. v. Nikolaus Gatter unter Mitarbeit von Christian Liedtke und Elke Wenzel. Berlin: Berlin Verlag Arno Spitz GmbH 2002, 424 S., Abb., kart. 35,- Euro, ISBN 3-8305-0296-6; ISSN 1439-6254


Zu den Porträtskizzen von Oliver Jordan (aus Almanach 1)


»Ein ähnlich Bild könnte mich sehr freuen. Friedel’s Bild
hat Mama, weil ich’s massakriren wollte.« Rahel Levin
an Georg Wilhelm Bokelmann, 7. 12. 1802 (GW VIII, 177).


Fresken der Zeit malt Oliver Jordan in seinen Porträts. Als käme sie nach einem mühsamen Prozeß des Restaurierens wieder zum Vorschein, blickt Rahel uns in seinen Arbeiten durch Schichten, Schrunden und Farbpartikel hindurch an. Wir können ausprobieren, wie sich die spröde, aggressive Spachtelarbeit als Seherlebnis vor die schmelzenden, schwebenden und generierten medialen Imitate drängt.
Hans Heinz Holz schildert in seinem Buch Vom Kunstwerk zur Ware. Studien zur Funktion des ästhetischen Gegenstands im Spätkapitalismus (1972) ein Phänomen, das uns Oliver Jordan — man möchte fast sagen: absichtlich — vor Augen führt (S. 200): »Im Bereich der sinnlichen Anschauung ist der Reflexionsgegenstand das Bildwerk. Um einen Weltgehalt wiedererkennbar fixieren zu können, muß der Prozeß, in dem dieser Gehalt steht, an einer Stelle gleichsam stillgestellt werden. Diesen Stillstand (in dem auch mehrere Querschnitte durch die Zeit zu einer ›typischen‹ Ansicht zusammenfallen können) hält das Bildwerk fest. Es leistet damit für die Anschauung das gleiche wie das Wort für die Sprache.«
Wir haben die Naivität verloren, uns historische Stoffe unreflektiert anzueignen. In diesem Buch konfrontiert uns der Maler gleich mit fünf verschiedenen Rahels (S. 106, 109, 161, 312, Titel). Dies ist jedoch keine Willkür und nicht destruktiv gemeint. Den Maler interessieren »vor allem der Graben, der sich da aufgetan hat«, und die Verluste, die keine Kunst zu kompensieren vermag: »Uns fehlt ja heute auch der Boden, das ist ja gerade das, was die Moderne ausmacht, der Boden, die Tradition ist weg.«
Oliver Jordan hält an dem fast altmodisch anmutenden Anspruch der Polyfunktionalität von Kunst fest. Er tut dies in seiner bewußten Entscheidung für die Bildgattung ›Bildnis‹ — neben seinen ausladenden Landschaftstableaux. Die hier abgebildeten Rahel–Studien nach dem Pastell von P. Friedel stehen in einer Reihe von Portraits, die Jordan nach seinem Florenzaufenthalt im Jahr 1982 begann. Ihre Titel sind für synästhetische Assoziationen offen. Historische Maler hören zeitgenössische Musik, wie in den Ölbildern Rembrandt hört John Lee Hooker, John Lee Hooker singt für Rembrandt oder Max Beckmann hört Miles Davis. In dieser imaginären Galerie — man glaubt Rahel über den Graben hinweg rufen zu hören: »Freunde, Gleichgesinnte, nur herein!« — , zu der sich die Porträts verdichten wie beim Rendezvous der Freunde von Max Ernst, begegnen wir unter anderen Heinrich Heine, Joseph Beuys, Maria Callas, Vincent van Gogh, Heinrich Böll — und eben auch: ›unserer‹ Rahel.
Kornelia Löhrer

 

 

 

aktualisiert: 08.09.2007

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