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Rahel.
Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde in 6 Bänden

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Bericht zur Buchvorstellung

Kölner Literaturhaus     5. Mai 2011
Barabara Hahn 05_11

Barbara Hahn bei der Vorstellung ihrer Edition in Köln

In der Lesereihe Frauen zur Zeit wurde am 5. Mai in Köln unter dem Titel Rahel Levin Varnhagen - Korrespondenz als Denkwerkstatt eine neue Ausgabe von Rahel - Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde vorgestellt. Es handelt sich um die sechsbändige "dritte" Auflage, die Rahels Witwer Karl August Varnhagen nach dem einbändigen Privatdruck von 1833 und der dreibändigen Buchhandelsausgabe von 1834 vorbereitet, aber nicht mehr veröffentlicht hatte.
Den Abend im vollbesetzten Kölner Literaturhaus bestritten neben der Herausgeberin Barbara Hahn und der Schriftstellerin Brigitte Kronauer, die ein Vorwort beigesteuert hatte, die Schauspielerin Marietta Bürgers und die Direktorin der Wüstenrot-Stiftung, Kristina Hasenpflug. Die Wüstenrot-Stiftung war es auch, die gemeinsam mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung die im Wallstein-Verlag erschienene Ausgabe und die Lesereise zur Buchvorstellung finanziert hatte.
In ihrem Grußwort beglückwünschte Insa Wilke, die Leiterin des Literaturhauses, Barbara Hahn zu einer Edition, die ein Vierteljahrhundert währende Vorarbeiten nötig gemacht habe. Sie habe das "Buch des Andenkens" zu einer "Werkstatt des Denkens" aufgewertet. Die Vorstellung der Rednerinnen übernahm Frau Hasenpflug. Bei ihren Editionen vergessener Autorinnen und Autoren pflegen Wüstenrotstiftung und Darmstädter Akademie jeweils einen Zeitgenossen als "Paten" zu engagieren; in diesem Fall Brigitte Kronauer, die den Auftakt machte. Sie bezog sich vor allem auf Rahels Briefwechsel mit Clemens Brentano, der die prekäre Beziehung zweier Romantiker, einer Jüdin und einem Christen, der zum "gefährlichen Gegner" wurde, zum Ausdruck bringt. Rahels Unglück sei allerdings nicht, wie oft unterstellt, ihr Jude- oder Frausein gewesen, sondern der Überschuss an Begabungen, den sie nicht in einem Kunstwerk einlösen konnte, obwohl ihr künstlerische Praxis und poetisches Verfahren genau bekannt waren. Zweimal wurden Urteile Jean Pauls über Rahel zitiert, der sie als "Ausnahmswesen" und "einzige humoristische Frau" bezeichnet hatte, was von seiner Seite ein besonderes Lob darstelle.
Barbara Hahn widmete sich zunächst der Textgenese und begann ihre Ausführungen mit einer Schilderung ihrer Leseeindrücke von Kafkas Proceß in der Edition von Peter Staengle und Roland Reuß; Kafka habe die auf Einzelhefte verteilten Kapitel nicht einmal auf eine bestimmte Reihenfolge festgelegt. Karl August Varnhagen habe jede Druckseite des Andenkenbuchs auf ein um zwei Drittel größeres Blatt montiert und fehlende Angaben von Empfängern oder Datierung, Auflösungen von Namenskürzeln und ausführliche Ergänzungen der Texte auf die freibleibenden Ränder geschrieben. Er habe die Texte nach den Kriterien damaliger Philologie geglättet und beispielsweise die von der üblichen Zeichensetzung abweichende Interpunktion normalisiert. Ferner habe er im Hinblick auf die Zensur zahlreiche Passagen weggelassen; bereits zu Lebzeiten habe Rahel gemeint, ihr Briefwerk sei erst "nach der Revolution" zu drucken. Ihr Ehemann habe sich nur sehr selten geirrt beim Abschreiben und nur einmal statt einer 4 eine 7 gelesen.
Rahel selbst habe sich oft im Datum vertan; solche Fehlleistungen seien als unbewusstes Verhindern eines abgeschlossenen Werks zu deuten, dessen Chronologie dann nicht mehr stimme. Das Richtigstellen falscher Brief-Datierungen habe immer wieder ein Umstellen der Reihenfolge und damit jedesmal erneutes Numerieren durch die Herausgeberin erfordert. Den Text in Karl August Varnhagens Fassung habe Barbara Hahn nicht angetastet, weil sie ja Rahel Levins "opus magnum", das sie vor ihrem Tod mit ihrem Mann konzipiert habe, nicht verändern durfte. Sie habe hier keine Textkritik betrieben wie in der kommentierten historisch-kritischen Edition Rahel Levin Varnhagen. Allerdings habe sie datierte, aber nicht-briefliche Texte, die Karl August Varnhagen "aus Rahel's Denkblättern" mitgeteilt hatte, "Tagebuch" genannt (obwohl es sich dabei, wie Hahn einräumte, nicht um herkömmliche Tagebücher, sondern eher um "Denknotate" handle). Insofern habe in dieser Ausgabe jeder Text drei Autoren: Rahel Levin (oder ihre jeweiligen Briefpartner, soweit deren Antworten enthalten sind), ihren Witwer mit seinen editorischen Eingriffen sowie Barbara Hahn als Herausgeberin dieser "Krakauer Version".
Briefe könne man auf zweierlei Weise schreiben, führte die Rednerin aus: monologisch und dialogisch. Rahel Levin Varnhagen habe beides getan. Zu ihren Lebzeiten habe es für Frauen keine akademische Ausbildung gegeben. Weibliche Studierende waren von Bildungsreformern wie Humboldt nicht vorgesehen, was man den deutschen Universitäten heute noch anmerke. Hahn betrachte Rahel Varnhagen dennoch als "Philosophin" und ordnete sie in eine Reihe zwischen Nietzsche und Hannah Arendt ein. Sie habe in ihren Schriften, von denen nur ein Bruchteil zu Lebzeiten veröffentlicht worden sei, nicht nur auf die Briefform zurückgegriffen, sondern Essays und Aphorismen hinterlassen, ja sogar Gedichte - "poetry is closest to thought", wurde Hannah Arendt zitiert. Zur Verdeutlichung trug Hahn die Schilderung eines Abendspaziergangs in den Bergen vor, den Rahel im Sommer 1815 in Baden bei Wien unternahm; sie schließt den Brief an ihren Mann mit dem Bekenntnis: "Könnt' ich das Silbenmaß finden, wie ich einsehe, fühle und Worte finde, so machte ich hieraus ein Gedicht."

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Brigitte Kronauer in Köln Lesung einer Textauswahl durch Marietta Bürger


Dieser Brief wurde während der anschließenden Lesung von Marietta Bürger, die Rahels Briefe mit warmer, dunkler Stimme, allerdings auch stark glättend und ohne die Verve der berlinischen Mundart vortrug, noch einmal wiederholt. Die Lesung gab vorwiegend gut bekannte Rahel-Texte, darunter ihre frühe Verfügung, eine Freundin möge alle ihre Briefe, gegebenfalls "durch List", zusammentragen und veröffentlichen - eine "Original-Geschichte, und poetisch!" Anderes, wie der erste Brief an Friedrich Gentz nach langer Trennung, war wohl nur den wenigsten im Saal verständlich, da die Beziehung zu Gentz und dessen Rolle nach dem Wiener Kongress nicht erläutert wurde.
Am Schluss kam es beinahe noch zu einer kleinen Kontroverse über die Frage, ob Rahel Levin Varnhagen literarische "Werke" im eigentlichen Sinn des Wortes verfasst habe. Anlass war die Äußerung einer Zuhörerin in der Diskussionsrunde, die Brigitte Kronauer vorwarf, am "klassizistischen Werkbegriff" festzuhalten und Rahels spontanes Schreiben für den Kanon zu disqualifizieren. Kronauer wehrte sich mit der Feststellung, sie sei missverstanden worden. Das Ziel des Autors sei nun mal das Werk, dem alles andere aufgeopfert werde. Notfalls lebe ein Autor vom Verdienst des Ehepartners, nur um sein Werk fertigzustellen. Der Maxime Arendts "poetry is closest to thought" hielt Kronauer entgegen, Gedichte seien nicht Denken, sondern Klang, Wortspiel, Gestalt. Daher sei ein literarisches Werk nicht dasselbe wie Autobiographien, Briefe, Tagebücher, die man heute ebenfalls und mit Recht der Literatur zurechne, aber nicht mit allem anderen durcheinanderwerfen dürfe: "Man muss auch Textsorten unterscheiden." In eine ähnliche Richtung zielte eine Fragerin, die von Barbara Hahn wissen wolle, ob sie denn, wie vor vielen Jahren bei einer Konferenz angekündigt, das diskursive Netzwerk ediert habe oder, wenn nicht, wie weit dieses Vorhaben gediehen sei? Barbara Hahn verwies auf die bereits im C. H. Beck-Verlag erschienenen Bände der Edition Rahel Levin Varnhagen - Briefwechsel mit Pauline Wiesel, Ludwig Robert und Familienbriefe - dies sei die Edition des Netzwerks. Rahel sei eher eine Theoretikerin gewesen. Allerdings habe Rahel ihre Briefe - so Hahn, die damit ihren eigenen, früher dargelegten Erkenntnissen zu widersprechen schien - ,  auch nicht "so einfach hingeschrieben", es seien geplante, durchdachte und konzipierte Texte.
Mit einem Umtrunk, zu dem die Wüstenrot-Stiftung das Publikum einlud, endete die Veranstaltung.

Kornelia Löhrer

 

09.05.2011
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