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The Fortune Hunter – A German Prince in Regency England
Lesereise von Peter James Bowman 2011

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Bericht zur Buchvorstellung in Bonn

Deutsch-Britischen Gesellschaft, Universitätsclub     16. Mai 2011
the fortune hunter

Siehe: Signalbooks

Salzgurke und Senf
Peter James Bowman referiert in Bonn
über Fürsten Pücklers Brautsuche in England

Anlässlich einer Lesereise auf Einladung der Deutsch-Britischen Gesellschaft trat unser Mitglied Peter James Bowman, der englische Biograph Hermanns von Pückler-Muskau, am 16. Mai 2011 im Bonner Universitätsclub auf. Der genius loci hätte dem Fürsten gewiß zugesagt, liegt das Haus in der Konviktstraße doch inmitten eines parkähnlichen Anwesens, nicht weit vom Alten Zoll, vom Wohnhaus Ernst Moritz Arndts und von den Grünanlagen, die Peter Joseph Lenné im preußischen Auftrag für das Rheinufer seiner Vaterstadt geschaffen hat.

Nach einer kurzen Einführung, die auf Hermann von Pückler-Muskaus Biographie, seine  Rolle als Schriftsteller, Reisender, Landschaftsgärtner und Namensgeber einer Eiskremspezialität hinwies, begann Bowman mit der (englischsprachigen) Lesung aus seinem kürzlich erschienenen Buch The Fortune Hunter – A German Prince in Regency England (229 S., Signal Books, Oxford 2010). Es schildert Pücklers Englandreise und seine Bewerbung um eine lukrativen Heiratskandidatin, die den Konkurs seines Parkprojekts abwenden sollte. Zuvor hatte er sich von seiner Ehefrau Lucie von Hardenberg, die jedoch weiter in Muskau wohnen blieb und neben dem von ihr gegründeten Hermannsbad auch den Landschaftspark verwaltete, scheiden lassen.

Die Jahre zwischen 1815 und 1840 sei, führte Bowman aus, in England die große Ära ehewilliger Glücksritter, der sogenannten fortune hunters gewesen. Aus Frankreich, Deutschland, Polen kamen die meist adligen Besucher auf Brautschau über den Kanal. Ihre aristokratischen Titel waren einerseits verlockend für die Töchter der reich gewordenen, aber gesellschaftlich noch nicht in der upper class angesiedelten Gründer, Erfinder und Handelsherren, die sich hinsichtlich der von ihnen kultivierten Höflichkeits- und Geselligkeitsformen ohnehin an Frankreich orientierten. Die männlichen Angehörigen der Oberschicht kamen mit jungen Frauen kaum in Berührung. Ihre Freizeitbeschäftigung war männerbündisch organisiert (Sport, Jagdgesellschaft, Clubwesen); zum Ideal des dandy gehörte geradezu eine zur Schau getragene Indifferenz gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Blaublütige Ausländer verbreiteten sich wie Pilze nach dem Regen, konstatierte 1833 die Zeitschrift Frazer's magazine. In den Tageszeitungen, von denen Pückler täglich vier las, wurde ihre Ankunft in London als "Gesellschaftsnachricht" registriert, in einer festen Rubrik, wo man auch erfuhr, welche Bälle sie besuchten und wo sie sich mit wem aufhielten. Pückler selbst wurde eine Zeitlang Lieblingsobjekt der Kolumne fashionable movements. Inwieweit ausländische Brautwerbungen von Erfolg gekrönt waren, lässt sich Heiratsannoncen und Botschaftsakten entnehmen. Davon abgesehen jedoch sind die zeitgenössischen Quellen rar. Weil es noch kein einheitliches Melderegister gab, wäre keine verlässliche Statistik möglich. Dass auch die satirische Seite des Phänomens von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, belegte Bowman durch einschlägige Karikaturen.

Wie erfolgversprechend seine Suche nach einer vermögenden Heiratskandidatin sein konnte, wusste Pückler durch seinen mit Engländerinnen verheirateten Freunde Wilhelm von Biel in Mecklenburg ("In England wächst das Geld auf Bäumen") und Graf Maltzahn in Dresden. Als er sich im September 1826 von Rotterdam nach England und themseaufwärts nach London einschiffte, stieg er zuerst im Clarendon Hotel in der Bond Street ab. Später wohnte er billiger in der German Street und hielt sich auch in der Winterhauptstadt der high society in Brighton (Sussex) auf. Der preußische Diplomat Heinrich von Bülow führte ihn in die englische Gesellschaft ein; mitunter nahm Pückler auch die Dienste von matrimonial agents (Heiratsvermittlern) in Anspruch. Seine Briefe an Lucy von Hardenberg und die Tagebücher, die er während seiner England- und Irlandreise führte, wurden in der Redaktion Lucys und des Ehepaars Varnhagen zur Grundlage des Bestsellers, der Pücklers literarische Laufbahn begründete: der Briefe eines Verstorbenen. Darin notierte der reisende Abenteurer alles über seine Erlebnisse, sein Auftreten, seine Kleidung und sein Aussehen, und natürlich den Fortschritt seiner Versuche, reichen Engländerinnen den Hof zu machen.

Da war die 29jährige einzige Tochter eines reichen Arztes (die Pückler mit 50.000 Pfund taxierte), die allerdings als eigensinnig und vorwiegend an Musik interessiert galt; außerdem wurde zur Bedingung gemacht, dass die Schwiegereltern beim Brautpaar leben sollten. Dem konnte der Fürst schon mit Rücksicht auf Lucy von Hardenberg, seine geliebte "Schnucke", unmöglich zustimmen. Eine schottische Baronstochter namens Harriet Kinloch traf Pückler gemeinsam mit ihrer Mutter in Brighton und London (im Haymarket-Theater), und durfte sogar unbeaufsichtigt mit ihr ausreiten. Georgina Elphinstone, die Tochter eines Admirals, die er auf 100.000 Pfund schätzte, empfand der Fürst als hässlich, wenn er ihr auch eine gute Figur und gute Manieren attestierte. Harriet Bonham war erst 16 Jahre alt (Pückler stand damals im 40. Lebensjahr) und wohnte auf dem Landsitz ihrer Eltern bei Windsor. Sie schien am ehesten Pücklers Interessen für Gartenkunst zu teilen. Schließlich war da noch die unverheiratete, 32jährige Elizabeth Hamlet, das Einzelkind eines millionenschweren Juweliers in Westend.

Pückler-Muskaus Brautwerbungsversuche wurden von der Presse zunehmend hämisch begleitet, er selbst als "Prince Pickle & Mustard" (Salzgurke und Senf) verspottet. Man verbreitete Gerüchte über ihn, wonach er im Traveller's Club auf den Teppich gespuckt oder ein Verhältnis mit Letizia Bonaparte, einer Nichte Napoleons unterhalten haben sollte. Verdächtig war den Kommentatoren wohl auch, dass Lucy von Hardenberg nach wie vor in Muskau lebte, der Pückler mitteilte: "Hättest du nur 150.000 Taler, ich heiratete dich gleich wieder!" –Andererseits stand gerade die Tatsache, dass Pückler geschieden war, einer Verheiratung im puritanischen England im Wege, selbst im Fall der Elizabeth Hamlet, deren Vater die Verlobung dringend gewünscht und empfohlen hatte. Obwohl er letztlich nach Hause zurückkehrte, ohne seinen Plan verwirklicht zu haben, war die Reise nicht umsonst gewesen: Den Reisebriefen des "Verstorbenen" war ein gewisser pekuniärer Erfolg beschieden. Der Autor lobte sie als einzigartige Quellen für die britische Gesellschaftsgeschichte jener Zeit. Als wichtigste Elemente seines Ruhms bezeichnete er Pücklers Erfolge als Reiseschriftsteller und als Schöpfer von Landschaftsgärten in englischer Tradition. Beide Karrieren sind ohne den England-Aufenthalt nicht denkbar.

Das Publikum dankte dem Autor mit viel Applaus. Zahlreiche Bücher wurden nach der Lesung verkauft, die Nachfrage war größer als für diesen Abend einkalkuliert. Die Vorsitzende der Bonner Deutsch-Britischen Gesellschaft, Ursula Roth, lud die Versammelten im Anschluss noch auf ein Glas Wein ein. Seine Lesetournee führte den Autor Peter James Bowman anderntags nach Düsseldorf und weiter nach Bamberg; im Herbst wird sie auf Einladung der Deutsch-Britischen Gesellschaft in Bielefeld und andernorts fortgesetzt.

Nikolaus Gatter

 

27.05.2011
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